Ein Gespräch mit Nicole Richtmann und Pater Jörg Gabriel zur 2. Aufführung von Les Misérables am 02. und 03. 12.

Die Wiederholung der Aufführung von Les Misérables- wie fühlt sich das an? Ist das anders als beim ersten Mal? 

Ja und nein- meinen beide. Nicole Richtmann findet, dass sie das Lampenfieber genauso plagt wie beim ersten Mal, wenn nicht sogar noch schlimmer. Pater Jörg Gabriel erklärt, dass er beim ersten Mal Sorge hatte, ob die Stimme durch die zweistündige Aufführung trägt und dass der Text noch nicht hundertprozentig gesessen hätte. Das sei jetzt anders. Da könne man nun viel beruhigter und sicherer in die Aufführung starten. 

Die Bitte um eine Neuauflage ist von vielen Menschen an die beiden herangetragen worden und das war natürlich ein Anstoß. Aber daneben gibt es auch ein sehr starkes Eigeninteresse von beiden: 

Jetzt kommen beide viel stärker dazu, die Rolle noch mehr zu verkörpern als beim ersten Mal- so empfinden es beide. „ Ich habe jetzt eine Ahnung, was Schauspieler meinen, wenn sie sagen, dass sie eine Rolle durchdringen.“, schmunzelt Pater Gabriel. 

Von Anfang waren beide fasziniert vom Sujet und der Musik, aber nun sei das Verständnis für das Schicksal der Menschen, die sie verkörpern viel tiefer und intensiver. Es geht um Erlösung, also auch um den moralischen Standpunkt betont Pater Gabriel. Das wird besonders deutlich an den beiden sich gegenüberstehenden Personen: Valjeans, der aus Not ein Brot stiehlt und dafür jahrelang ins Gefängnis wandert, erfährt Schutz und Parteinahme, aber auch die daraus resultierende Verpflichtung, sich zu verändern und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Javers, Vertreter von Recht und Gesetz dagegen macht sich ein unumstößliches Urteil über Menschen und verfolgt sie gnadenlos. Für Nicole Richtmann geht es in erster Linie um bedingungslose Liebe: Die Liebe einer Mutter zur Tochter, für die sie alles bis zur Selbstaufgabe tut, nur damit sie nicht in die gleiche Notlage gerät wie sie selbst. Die Liebe von Eponine, die erfahren muss, dass der Mann, in den sie sich verliebt hat, eine andere liebt  und denen sie dennoch das Glück gönnen kann- trotz des eigenen Schmerzes. Es ist diese aufrechte Haltung, für die die beiden Hauptdarsteller Respekt und Bewunderung empfinden. Es ist die eine Sache, sich des eigenen Standpunkts, der eigenen Geschichte oder Gefühle bewusst zu sein, aber noch eine andere anzuerkennen, dass Menschen unterschiedlich denken, fühlen, urteilen und leben. Und  es ist noch wieder etwas anderes, sich für sie einzusetzen, auch wenn man dabei Nachteile oder gar Schmerz in Kauf nehmen muss. 

„ Wir sind zwar die, die vorne stehen und singen, aber ohne Steffanie Jaffke wäre die Aufführung nur ein Ausschnitt, der der Geschichte nicht gerecht wird.“. Davon ist Nicole Richtmann überzeugt. Sie übernimmt die Rolle der Erzählerin, die scharfzüngig und mit viel Esprit für die Lieder den passenden Rahmen schafft und dabei auch

aktuelle Bezüge herstellt. „Und außerdem ist da noch Christian Paeger- unser Mann für die Technik, der mit seinen Lichtinstallationen unverzichtbare Akzente setzt.“, ergänzt Pater Gabriel. Ohne diese beiden und ohne den Chor wäre die Aufführung nicht das, was sie ist. 

Beide betonen, dass die Aufführung, das Zusammenwirken mit vielen anderen ihr Leben enorm bereichert hat. Nicole Richtmann ist  in der Kindernothilfe tätig und Dr.  Gabriel ist nicht nur „unser“ Pater, sondern auch Provinzial der deutschen Ordensprovinz der Kamillianer. Und die Wiederholung der tollen Aufführung macht uns wiederum reich!